Warum Vietnam? Eine persönliche Geschichte
“Diesen Tee in Europa verkaufen….das wär’s!” Während mir der beißende Fahrtwind mitten im Stadverkehr von Hanoi um die Ohren blies, hatte ich kurz diesen einen Gedanken, vergaß ihn dann aber auch recht schnell wieder. Wir saßen zu viert auf einem Motorrad – vorne zwischen den Beinen des Taxifahrers mein fünfjähriger Sohn, mein Siebenjähriger klammerte sich hinten an mich. Und unser Bauch war voller Tee. Wir waren auf der Rückfahrt von diesem kleinen, unscheinbaren Teehaus zu unserem Hotel. Am nächsten Tag ging es zurück nach Österreich…
Das war im September 2019.
Tee hatte ich schon mein ganzes Leben lang getrunken und geliebt. Eine meiner schönsten Kindheitserinnerungen ist der Duft von rauchigem Lapsang Souchong, den mein Vater gerne in einem roten Tonkrug zubereitete. Später plünderte ich zuhause regelmäßig den Teeschrank und entdeckte dort vor allem verschiedene Schwarztees. Ceylon Orange Pekoe war für viele Jahre mein absoluter Lieblingstee – damals oft (Teepuristen bitte weghören…!) gemischt mit frisch gepresstem Orangensaft. Als ich mich als Teenager mit Qigong und fernöstlicher Philosophie zu beschäftigen begann, stieß ich unweigerlich auch auf Grüntee. Anfangs erschien mir der Geschmack seltsam, wohl auch weil ich kaum Zugang zu qualitativ hochwertigem Tee hatte. Aber über die Jahre verliebte ich mich immer mehr. Ich entdeckte neben vielen Grünteesorten auch weißen und Oolong Tee und dieses Getränk wurde nicht nur mein ständiger Begleiter, sondern auch mein Lehrer, meine Muse, mein Tor zu meinem tiefsten Inneren. Es gibt wohl nicht viele Menschen, die verstehen werden, wenn ich erzähle, dass oft allein der Geruch von Tee ausreicht, um mir Tränen in die Augen zu zaubern.
Schon mindestens zehn Jahre vor diesem schicksalhaften Nachmittag in Hanoi hatte ich von einer Reise nach Vietnam geträumt. Nicht wegen Tee, daran dachte ich überhaupt nicht. Irgendetwas zog mich dorthin, obwohl ich kaum etwas über dieses Land wusste. Doch es kam immer wieder etwas dazwischen, zuerst das Studium, dann die Arbeit, dann die Kinder. Ich reiste in der Zwischenzeit nach China und Japan, trank auch dort viel Tee und war verzaubert von diesen jahrtausendealten Kulturen. Aber irgendwann wusste ich, jetzt muss es Vietnam sein, ich kann nicht länger warten.
“Ihr seid verrückt…” lautete der Kommentar meines Vaters und ja, vielleicht waren wir das. Schließlich waren wir mitten im Hausbau und da gibt man doch nicht so viel Geld für eine Reise aus…
Ich erinnere mich noch sehr genau an den Moment, als wir in Ho Chi Minh City gelandet waren und das klimatisierte Flughafengebäude verließen. Es war Abend und mir schlug die dicke, feuchtheiße Luft Vietnams entgegen. Und in diesem Augenblick… war ich zu Hause. Es war, als wäre ich dort schon tausend mal gewesen, als würde ich einfach nur zurückkommen. Und dieses Gefühl hat mich bis heute nicht mehr verlassen. Wir bereisten für ein Monat das ganze Land von Süd nach Nord. Mein Mann musste schon nach zwei Wochen wieder nach Hause, somit war ich fast drei Wochen mit meinen Söhnen alleine unterwegs. Kein Problem in Vietnam – Kinder sind dort gerne gesehen und werden unglaublich liebevoll behandelt.
Der letzte Teil unserer Reise führte uns ganz in den Norden, nach Hà Giang. Da ich mit zwei kleinen Kindern unterwegs war, entschied ich mich, die berühmte Hà Giang Loop nicht mit dem Motorrad, sondern mit dem Auto zu machen. Wir buchten uns für eine knappe Woche einen Fahrer, der uns durch diese atemberaubend schöne Landschaft kutschierte.


Meine Teeliebe konnte ich dann doch nicht ganz verbergen und nachdem ich wusste, das es dort irgendwo im Norden auch Tee gab, bat ich den Fahrer, eine Teeplantage zu besuchen. Ich wurde für mehrere Tage immer wieder vertröstet und dachte am Ende schon, das wird wahrscheinlich nichts mehr. Bis er dann an einem schönen Morgen plötzlich einfach am Strassenrand anhielt und zu mir sagte: “Hier wächst der Tee!”
Da war aber keine Plantage, so wie ich mir das vorgestellt hatte, mit kleinen hübsch zurechtgeschnittenen Büschen in Reih und Glied. Nein, da wuchsen Büsche und Bäume. Teilweise ein wenig gezähmt in ungefähren Reihen, aber großteils komplett durcheinander, manche mehrere Meter hoch. Ich war einigermaßen überrascht, denn was ich damals einfach noch nicht gewusst hatte: Ich war mitten im Ursprungsgebiet der Teepflanze gelandet. Dort, wo Tee schon seit Jahrtausenden wild wächst, und von wo alle Teepflanzen, die auf dieser Erde auf Plantagen wachsen, irgendwann in der einen oder anderen Form herkamen. Dieses Gebiet erstreckt sich heute von Südchina über Laos und Nordvietnam bis nach Myanmar, Thailand und Teile Nordindiens.



Zurück in Hanoi wollte ich vor unserer Abreise als schönen Abschluss noch ein Teehaus besuchen. Das erste, das Google mir ausspuckte, war nicht allzu weit entfernt, also fuhren wir los. Und was gab es dort? Aussschließlich Tee von wilden Teebäumen! Nach einer langen Verkostung kaufte ich einen kleinen Vorrat ein und dann saßen wir schon wieder auf dem Motorrad zurück zum Hotel. Und in Österreich angekommen musste ich nach einiger Zeit feststellen, dass ich kaum noch anderen Tee trinken wollte. Und dann war er wieder da, dieser Gedanke: “Ich könnte diesen Tee doch hier verkaufen…!”

Nun ja, gut Ding braucht Weile. Es dauerte fünf Jahre, bis der Ruf so stark wurde, dass ich ihn nicht mehr überhören konnte und ein Jahr später, im Sommer 2025, war nach unendlich vielen Zweifeln, zäher Vorbereitung und unglaublich vielen Stunden Arbeit teadaydreams geboren.
Doch Vietnam hat mir noch etwas anderes, vielleicht viel Wichtigeres, geschenkt: Das Gefühl, sich Zuhause zu fühlen. Und auch wenn ich nicht immer dort sein kann, es sind viele neue Freundschaften entstanden und last but not least habe ich nun auch eine vietnamesische Schwägerin, die mir mit ihren Kochkünsten immer wieder die Sehnsucht ein wenig zu nehmen vermag. Ja, und mittlerweile lacht auch mein Papa, wenn ich zu ihm sage: “Siehst du, wir mussten damals einfach nach Vietnam, auch wenn es verrückt war!”

